Entstehung und Geschichte eines Improvisationskurses

Das erste Mal als ich mit Blues infiziert wurde, war im letzten Jahrhundert, genauer: Im Sommer 1972.
Damals schenkte mir mein Vater ein Kassettenradio, mit dem man alles was im Radio lief aufnehmen konnte. (Wer kann sich daran noch erinnern? Nix Youtube oder Spotify …) Im Gegensatz zu meinen Freunden und Schulkameraden interessierte ich mich aber nicht für die gängige Popmusik inklusive deren Bravo-Poster, sondern für diese seltsame Blues- und Jazz-Musik.

Die Anfänge

Das erste wichtige Stück für mich war der „One o’clock jump“ von Count Basie. Diese super swingende Band, der blues-artige Boogie-Groove, der Viertelpuls vom Bass und der Gitarre, das swingende Schlagzeug, die starken Soli und die tollen Bläsersätze und hatten mich sofort fest im Griff.
Das war die Musik, die mir durch Mark und Bein ging, ohne dass ich damals wusste warum.

Das zweite prägende Stück damals war ein Rhythm & Blues mit dem Titel „Let the good times roll“ von Louis Jordan, in der Version vom einzigartigen Ray Charles.
Danach wusste ich ungefähr, wo es für mich lang gehen sollte und meine Kassetten-Sammlung wurde von Tag zu Tag immer größer.

Als der Film „Blues Brothers“ Anfang der 80er Jahre in die Kinos kam, saß ich in der ersten Reihe und sah viele meiner Musikhelden wie John Lee Hooker, Ray Charles, Aretha Franklin und James Brown zum ersten mal auf Leinwand. Das war wie eine Offenbarung, denn jetzt wusste ich, dass ich kein musikalischer Sonderling war, sondern in den USA schon länger ein Revival dieser großartigen Musik voll im Gange war.

Diese Musik hat mich mein Leben lang begleitet und ich hatte immer auch mehrere Rhythm & Blues Stücke wie „Sweet Home Chicago“ oder „Hit the road Jack“ im Repertoire meiner Bands während der Schulzeit.

Die Idee

Als ich mein Musikstudium für Jazz in der Schweiz abschloss und einige Jobs an Musikschulen annahm, lag es nahe, meine Begeisterung für Blues und bluesige Stücke mit meinen Schülern zu teilen. Da ich zu der Zeit aber auch einige Anfänger hatte, stellte sich die Frage, wie ich denen den Einstieg in die Improvisation erleichtern könnte. Und zwar egal, auf welchem spielerischen Niveau – und letztlich auch egal, auf welchem Instrument!

Da der berühmte „C-Jam Blues“ von Duke Ellington schon aus nur zwei verschiedenen Tönen besteht, ging ich noch einen Schritt weiter und ließ die Schüler ihren ersten Blues mit einem einzigen Ton beginnen.
(Der Trick dabei war übrigens von Anfang an der richtige Rhythmus! So so kriegt man tatsächlich ab dem ersten Moment das groovige Feeling hin. Erfolgserlebnis garantiert.)

Gesagt, getan! So entstand Schritt für Schritt auf Basis des 12-taktigen Blues eine komplette Einführung in die Improvisation, welche in 44 Schritten von Stücken basierend auf einem einzigen Ton, bis hin zu komplexen Jazzblues-Themen und Akkord-Verbindungen führte.
Das alles wurde direkt im Unterricht ausprobiert und ich konnte schon meist am Gesichtsausdruck der Schüler beim Spielen erkennen, ob der jeweils nächste Blues Sinn ergab und die Blues-Sammlung kam – oder eben nicht.

Berlin

Im Jahr 2000 zog ich dann nach Berlin um und unterrichte dort seitdem an der Jazzschule Berlin. Netterweise half mir damals Claus Rückbeil, der Leiter der Jazzschule, das erste Layout dieses Kurses mit dem Titel „Blues School“ anzufertigen. Ich bin nämlich echt kein Computer-Layout-Profi …

Mein Blues Brother Michael Schwarz, ein Schlagzeuger mit dem ich damals regelmäßig spielte, war zudem einer der hipsten Webspezialisten. Durch sein Engagement wurde die erste „Bluesschool-Webseite“ erstellt und wir versuchten so das Werk in die Welt hinaus zu tragen.

It’s the law

Leider kam uns dann ein recht unangenehmer Zeitgenosse aus Saarbrücken in die Quere. Der sendete uns eine Abmahnung samt Aufforderung, den Namen „Blues School“ nicht mehr zu benutzen, da er einen ähnlich klingenden Namen beim Patentamt angemeldet hatte. Tja, was soll man da sagen… Solche Musikerkollegen gibt es zum Glück nur ganz wenige. Ich hatte nicht genug Ressourcen – und übrigens auch keine Lust – mich auf einen eventuell kostspieligen Rechtsstreit einzulassen.
Das tat weh, und so ging die erste Version der Blues School leider sofort wieder vom Netz und geriet damit erstmal in Vergessenheit.

Ende gut, alles gut?

Einige Jahre später hatte mein „Blues-Brother“ Michael Schwarz erneut die Idee, dieses in der Praxis doch so gut bewährte Material unter neuem Namen und in neuem Gewand erneut zum Leben zu erwecken. Der Typ lässt einfach nicht locker…

Wir setzten uns also zu dritt nochmal ran, um noch mehr aus den Lektionen herauszuholen, indem wir zusätzliches Material und Übungsaufgaben erstellten.

Jetzt gibt es das Ganze mit Noten für alle Instrumente (übrigens auch mit TABs für die Gitarristen), mit Playbacks und Videos. Anhand aufeinander aufbauender Blues-Themen lernen die Schüler in verschiedenen Stilen und Tempi improvisieren und phrasieren.

Und so wurde der Kurs im Jahre 2017 als Online-Kurs der Jazzschule Berlin unter dem Namen „Play the Blues“ (wieder) geboren und erfreut sich seitdem ständig wachsender Beliebtheit.

Aber schau selbst:
https://www.jazzschule-berlin.de/specials/play-the-blues/